Montag, 5. April 2010
Reportage
"Ein Leben ohne Auto - unmöglich!" ruft die junge Frau, die Gerd Ruge von Auto zu Auto in einem der gigantischen Moskauer Staus interviewt. Als die Sowjetunion zusammenbrach, gab es 350.000 Pkw - heute sind es dreieinhalb Millionen. Nicht nur das eigene Auto hat das Lebensgefühl von Millionen Russen verändert. Und trotzdem sind die meisten mit dem neuen Leben, nach der Sowjetzeit, nicht zufrieden.
Gerd Ruge ist diesen Menschen begegnet - an Landstraßen und auf Feldwegen. Sein Film führt nicht ins Moskau der Millionäre und der Mächtigen, sondern ins weite Umland der Hauptstadt. Am Stadtrand bei jungen Leuten auf der Piste eines riesigen künstlichen Skitunnels hat er sich umgehört und 20 Kilometer entfernt davon bei Frauen, die in einem verfallenden Kulturhaus ihre viel zu knappe Rente abholen.
Gerd Ruge spürt Rechtsextreme im Wald auf. die mit der Kalaschnikow Bürgerkrieg üben und er trifft Rock-Fans, von deren Musik sich Ministerpräsident Putin gesellschaftsbildende Kraft erhofft. In einem Kloster exerzieren kleine Jungen und lernen ihre Kalaschnikow zu lieben. Eine Familie von Häuslebauern zieht in ihre fensterloses Banja, das russische Schwitzbad ein - weil in der Wirtschaftskrise das Geld für den Hausbau ausgegangen ist.
Ein altes Ehepaar fährt mit dem Auto auf die Weide, um ihre einzige Kuh zu melken. Ein Bankier kauft ein Kloster, renoviert es und kommt sonntags mit eigenem Geistlichen aus der Hauptstadt, um einen Privatgottesdienst abzuhalten. Und auf dem Arm des riesigen Lenin-Denkmals am Moskau-Wolga-Kanal lässt sich ein Mann beim Turnen fotografieren.
Film von: Gerd Ruge
Kontakt zur Redaktion: WDR, PG Ausland, Appellhofplatz 1, 50600 Köln,
Fax: 02 21 - 220 - 8484, E-Mail: fernsehen@wdr.de
45-minütige ARD-Fassung (22.12.2009) als WebTV.
Themen: Länder/Völker, Politik/Wirtschaft
Höher und immer höher scheinen die Wolkenkratzer in Moskau zu wachsen. Die russische Hauptstadt strebt nach Superlativen. Ab 2012 soll hier das größte Gebäude Europas in den Himmel ragen. Superreiche vergnügen sich auf der jährlich stattfindenden Millionärsmesse, die Stadt boomt. Aber zum Gesicht der Metropole gehört auch ein Leben im Plattenbau - Wohnraum ist knapp und teuer. Für viele Moskauer ist es ein Leben mit vielen Einschränkungen und Entbehrungen. Freie, kritische Meinungsäußerung gehört noch immer nicht zu ihrem Alltag.